„Aus diesem Zusammenbruch der Menschlichkeit ergibt sich für uns eine Verantwortung“

Geschichtsprojekt enthüllt Informationstafeln zu Opfern und Geschichte eines NS-Zwangsarbeitslagers im Saalekreis

Am 24. August 2012 jährte sich der Tag der Errichtung des „Arbeits- und Erziehungslagers“ (AEL) in Leuna, OT Spergau zum 70. Mal. Das Datum nahmen der Heimat- und Geschichtsverein Zöschen e.V. und die Geschichtswerkstatt Merseburg-Saalekreis e.V. zum Anlass, mit einer Gedenkveranstaltung drei Informationstafeln einzuweihen, die fortan über das Lager sowie über jene ZwangsarbeiterInnen informieren, die dort ihr Leben lassen mussten.

Stadtarchivar Dr. Ralf Schade fasste eingangs die Geschichte des Lagers zusammen. Dieses wurde 1939 zur Braunkohleverarbeitung errichtet. Häftlinge sollten mit einer maximalen Haftdauer von acht Wochen zur „Umerziehung“ dort untergebracht werden. Bei wem dies aus Sicht der Nazis nicht erfolgreich war, der kam i.d.R. ins Konzentrationslager Buchenwald. Aber, so berichtet Dr. Schade, es wurden auch Häftlinge direkt zur Hinrichtung nach Spergau gebracht.

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Die Geschichtswerkstatt Merseburg-Saalekreis resümierte zum LAP-geförderten Projekt: „In den letzten Jahren hatten sich die Aktivitäten zum ehemaligen „Arbeits- und Erziehungslager“ (AEL) auf den Spätstandort Zöschen konzentriert. Nach der Bombardierung des Lagers in Spergau (Sommer 1944), dessen Errichtung sich am 24. August 2012 zum 70. Male jährte, mussten die Häftlinge in Zöschen einen neuen Lagerkomplex aufbauen.

Dem Datum der Ersterrichtung in Spergau war diese Gedenkveranstaltung gewidmet. Dem voraus gegangen war eine Zeit intensiver Zusammenarbeit von Stadtverwaltung Leuna, dem Stadtarchiv Leuna, der niederländischen Stiftung Razzia Beverwikj, der Gemeinde Spergau und unserer Geschichtswerkstatt. Die Fäden in der Hand hatten dabei der Heimat- und Geschichtsverein Zöschen e.V. und der Stadtarchivar Dr. Ralf Schade. In Anwesenheit von Arie Kooiman, einem überlebenden Lagerhäftling (91 Jahre) aus den Niederlanden, niederländischen Kooperationspartnern und Vertretern der politischen Öffentlichkeit der Region wurden drei Erinnerungstafeln übergeben. Mit der Geschichte des Lagers und zwei Namensplatten der Toten der Spergauer Lagerzeit erweitert sich nun die Topografie der Erinnerungsorte in unserer Region. Direkt an der Gedenkmauer für das AEL (in der der DDR-Zeit errichtet) und an der Geländegrenze zum Chemiestandort der TOTAL Raffinerie können sich nun Interessenten zu diesem Teil der NS-Geschichte im Saalekreis informieren.

Wir als Geschichtswerkstatt Merseburg-Saalekreis e.V. wollen engagiert mitwirken, den Gedenkort in die Geschichtsarbeit der Schulen zu integrieren. Erinnern ist immer auch ein Teil der Übernahme von Verantwortung für die Gegenwart. Mit Pädagogen und Schülern wollen wir nun an einem Konzept arbeiten, welches die Einbindung des Gedenkortes in die außerschulische Arbeit ermöglich. Und ein Fernziel ist auch klar vor Augen: Wir wollen die Idee der Umgestaltung der ehemaligen Lagerbaracke in Zöschen zu einem Gedenk- und Seminarzentrum AEL Spergau – Zöschen gemeinsam mit der Stadtverwaltung Leuna und weiteren Partnern voranbringen. Dazu soll ein Antrag in den Stadtrat eingebracht werden, der hoffentlich zu einem Beschluss der Befürwortung wird.“

Beginnend mit einem Zitat von Roman Herzog würdigte Hartmut Handschak, Dezernent für Kreisentwicklung, die geleistete Arbeit in Spergau in seien Grußworten: „Die Erinnerung darf nicht enden; sie muss auch künftige Generationen zur Wachsamkeit mahnen. Es ist deshalb wichtig, nun eine Form des Erinnerns zu finden, die in die Zukunft wirkt“. Das „menschenverachtende Martyrium“ muss als Mahnung und Auftrag für künftige Generationen verstanden werden, dass derartiges sich nicht wiederholen kann, so Handschak. Er ist sich sicher, dass die demokratischen Parteien im Saalekreis alles dafür zu tun gewillt sind, „damit der braune Ungeist in unserer Gesellschaft keinen Platz findet“.

Man spreche europäisch im Landkreis, konstatierte Handschack mit Verweis auf die angesiedelte  Industrie und die BürgerInnen im Saalekreis und dankte den InitiatorInnen des Geschichtsprojektes für ihr Engagement. „Der Landkreis wird Sie auch in Zukunft bei Ihrer Arbeit unterstützen“, versicherte der Dezernent und mahnte zugleich: „Was damals geschah, lässt sich nicht wieder gut machen. Aber aus diesem Zusammenbruch der Menschlichkeit ergibt sich für uns eine Verantwortung.“

Edda Schaaf vom Heimat- und Geschichtsverein Zöschen e.V. hob die Bedeutung der Informations- und Erinnerungstafeln hervor, die die Opfer nun wieder namentlich kenntlich machen. Auf die Enthüllung der Tafeln und dem Niederlegen von Kränzen und Rosen folgte eine Schweigeminute.

Zwischen dem anwesenden Niederländer Arie Kooiman und einem Anwohner ergaben sich im Anschluss eindrucksvolle Gespräche. Der heute über 90-Jährige war als Häftling zunächst vier Wochen im Lager Spergau inhaftiert. Nach der Bombardierung kamen er und andere als Zwischenstation nach Schkopau und dann nach Zöschen. Im April 1945 wurden sie dann durch die Amerikaner befreit.

Ein Spergauer Anwohner erzählte aus seiner Kindheit, wie sie im Ort gespielt und oft gesehen hätten, wie die Häftlinge zur Arbeit getrieben und von den SS-Leuten geschlagen wurden. Die Häftlinge hatten in Holzpantoffeln auf dem Erdbeerfeld arbeiten müssen. Wer auch nur eine Erdbeere aß bekam Prügel mit dem Gummiknüppel. Die Dorfbevölkerung habe sich nicht darum gekümmert oder einfach nicht dafür interessiert. Man habe nicht wissen wollen, was sich hier abspielte, lieber habe man das verdrängt, als dass man es hätte wissen wollen, schätzt der Dorfbewohner heute ein.

Den Häftlingen öffentlich etwas zu essen zu geben, habe sich kaum jemand getraut, berichtet er. Angesichts der Bombardierungen 1944 erinnert er sich, dass die Dorfbevölkerung sich in Bunker und Keller verschanzte. Häftlinge durften anfangs wohl noch in einen Werkstattbunker auf dem Lagergelände. Später wurde ihnen dies verwehrt. In den Bunkern der Bevölkerung Unterschlupf zu suchen, war ohnehin verboten.

 

Koordinierungsstelle LAP Saalekreis

 
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