„Lieber ausgeschlafen als weiterschlafen“

Erste „Schule ohne Rassismus“ im Saalekreis soll Initialzündung sein

Am 12. April 2012 war es endlich soweit. 10.00 Uhr vormittags sind die 150 Sitzplätze in der Aula des Wettiner Burg-Gymnasiums fast restlos gefüllt. Auf der Tagesordnung steht die 69. Titelverleihung zur „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“ in Sachsen-Anhalt und die allererste im Saalekreis. Politprominenz trifft hier auf engagierte Schüler.

Neben zahlreichen SchülerInnen sind an diesem Tag auch der Kultusminister, der Landrat, Kreistagsabgeordnete, ein Fernsehkommissar, die Bürgermeisterin und der Ortsbürgermeister, sowie VertreterInnen der Landeszentrale für politische Bildung, des Schulfördervereins, der ElternvertreterInnen und andere auf der über tausend Jahre alten Burg zu Gast. Die gespannte Stimmung im Raum sollte gleich zu Beginn der Klassiker „Oh happy day“ auflösen – gesungen von 30 SchülerInnen. Nach einem weiteren Gesangsbeitrag mit spürbar afrikanischen Wurzeln begrüßte ein sichtlich stolzer Schulleiter die Gäste. Für Dr. Niephagen ist es eine „ganz wichtige Angelegenheit“, bei der die SchülerInnen im Mittelpunkt stehen. „Das Thema kann man nie abhaken.“ Damit meint Niephagen Rassismus, und vor allem das Engagement dagegen, um eine friedliche Zukunft zu meistern.

 

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Stephan Dorgerloh, Sachsen-Anhalts Kultusminister, betont, das Gymnasium ist nun Teil eines  europäischen Netzwerkes und hat einen Platz auf der Kampagnen-Landkarte. Das Schild, was Dorgerloh später eigenhändig mit am Burgtor anschrauben wird, ist ein Hinweis, dass an dieser Schule ein Projekt im Gange ist, so der Minister. Bei der Kampagne zählt die regelmäßige Arbeit zur Thematik. Man verpflichte sich dauerhaft gegen Diskriminierung und Mobbing und für einen respektvollen Umgang einzutreten und damit vor Allem auch eine Vorbildwirkung zu erfüllen.

„‚Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage‘ das heißt Anspruch“, an dem weiter gearbeitet werden müsse und der längst nicht erfüllt sei, so Dorgerloh. Das fängt beim Schulklima und dem gegenseitigen Umgangston an, geht er in Detail, und führt zwangsläufig über selbstkritisches Hinterfragen: „Wie lösen wir Konflikte?“ So manche Projekte wurden hier aber auch schon umgesetzt. Als Beispiele nennt er Gespräche mit Zeitzeugen des Nationalsozialismus, Aufklärung über Rechtsextremismus mit der Polizei, ein Filmprojekt über Rassismus und ein Theaterprojekt. Am Ende steht für ihn die Überlegung, wie das Thema fächerübergreifend in den Unterricht eingebunden werden kann. Impulse dafür, mal einen kritischen Blick von außen, Hilfe und Unterstützung, sichert der Minister zu, bekommen die SchülerInnen jederzeit von den PatInnen, der Landeskoordinierung bei der Landeszentrale für politische Bildung oder auch der Bundeskoordinierung der Kampagne.

Der Weg zur Titelverleihung war nicht immer einfach und manch schwere Steine mussten aus dem Weg geräumt werden, blickt die noch amtierende Schülersprecherin Jana Gießler zurück. Die Unterschriften von 74 Prozent der SchülerInnen, LehrerInnen und aller anderen Angestellten mussten nachgewiesen, Paten gesucht und so manch andere Hürde genommen werden. „Demokratie lebt davon, sich einzubringen“, hatte ihr Vorredner eben noch betont. Den Dank, den Dorgerloh ihr stellvertretend für alle SchülerInnen aussprach gibt sie gleich weiter. „Ihr könnt euch dafür alle auf die Schulter klopfen. Ihr habt das geschafft“, ruft die angehende Abiturientin mit gerührter aber deutlicher Stimme ihren MitschülerInnen zu.

Die Titelverleihung ist nur der Grundstein, macht sie deutlich. Nur der Anfang – weitere Projekte und ständig neue SchülerInnen werden folgen, ist sich Jana Gießler sicher. Als nächstes stehen Stolpersteinverlegungen auf dem Plan, die an die durch Nazis Verfolgten und Ermordeten erinnern sollen. Die ersten Namen aus der Region sind dazu bereits recherchiert. Bevor Landrat Frank Bannert sein Grußwort halten kann folgt zunächst eine unmissverständliche musikalische Botschaft des Schülerchors mit „Schalom – lass Frieden sein“, was Bannert andächtig an einen kürzlich absolvierten Israel-Aufenthalt erinnert.

„Lieber ausgeschlafen als weiterschlafen“, meint Bannert zu jenen, die sich vermeintlich fragen würden, ob man im Saalekreis mit dieser ersten Kampagnenbeteiligung einer Schule denn „endlich ausgeschlafen“ sei. Zu Rechtsextremen, die es auch im Saalekreis gibt, führt der Landrat ein Zitat des jüngst vereidigten Bundespräsidenten Gauck an und bezieht damit klar Stellung: „Euer Hass ist unser Ansporn.“ Das schlimmste ist, erinnert sich Bannert zurück, wenn Fremdenfeindlichkeit passiere, wie jüngst auch wieder im Saalekreis, Journalisten dann nachfragen und man als Landrat nicht wisse, was man dazu sagen solle. Reisen, fremde Kulturen kennen und verstehen lernen ist die beste Prävention gegen Rassismus, so der CDU-Mann. „Wenn die Jugend dieses Thema hier aufgreift, ist es um die Zukunft nicht schlecht bestellt“, zeigt sich Bannert zuversichtlich. „Der Saalekreis ist im wörtlichen Sinne weltoffen, uns sind alle Kinder hier willkommen“, will er als Botschaft vermittelt wissen.

Peter Wetzel, einer der drei Kampagnen-Paten für die Schule, will statt weitere Lobpreisungen lieber ein paar Bitten loswerden: Diese erste Titelverleihung im Landkreis soll als Initialzündung vor Ort verstanden werden. Er selbst ist bereits mit vier weiteren Schulen im Landkreis zu dieser Kampagne im Gespräch, wie er preis gibt. Die übernommene Verantwortung und das erworbenen Know-How bei den SchülerInnen vom Burg-Gymnasium sollen auch den nachkommenden Jahrgängen und auch anderen Schulen weitergegeben werden. Als Mitglied im LAP-Begleitausschuss und eifriger Akteur im Landkreis will er Synergien anregen zwischen den unterschiedlichen lokalen Strategien, Kampagnen und Förderinstrumenten, die demokratisches Verständnis und Toleranz zum Ziel haben.

Marcella Mertig von der Landeskoordinierung der Kampagne „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“ ist guter Hoffnung, das bringt sie auch zum Ausdruck: „Ich glaube, diese Schule ist bunt und lebendig.“ Sie ermutigt zur aktiven Kontaktaufnahme: „Traut euch, dafür sind wir da.“ Mit „We are the world“ schließt der SchülerInnenchor an die letzte Runde des offiziellen Festaktes an.

Draußen warten Grill, Buffet und eine kreative Überraschung auf die Gäste. Die Logos von Schule und Kampagne werden von Schülern übergroß choreografiert – fast wie im Fußballstadion. Eine rockige Extra-Einlage geben Schülersprecherin Jana Gießler und vier Bandkollegen im Anschluss noch zum Besten. Bei Textzeilen wie: „Zeig dein Gesicht gegen Braun … Bunt gegen Braun – wir werden euern braunen Weg verbaun“, wippen selbst Minister Dorgerloh und Landrat Bannert im Takt mit.

Um abschließend Ideen auszutauschen und Absprachen zu treffen ist im Rittersaal bereits eingedeckt. Hier kommen ganz unbürokratisch SchülerInnen mit dem Minister, kommunalen VerantwortungsträgerInnen oder auch dem Fernsehkommissar Wolfgang Winkler aus dem „Polizeiruf“ ins Gespräch. Winkler ist neben Peter Wetzel (Geschichtswerkstatt Merseburg-Saalekreis e.V.) und Sebastian Striegel (MdL, GRÜNE) Kampagnen-Pate für das Wettiner Burg-Gymnasium. Die Geschichtswerkstatt hat die SchülerInnen im Rahmen des LAP geförderten Projektes „Forum Regionalgeschichte – Identität durch Dialog und Handeln in Netzwerken“ unterstützt und forciert langfristige gelebte Kooperationspartnerschaft.

Koordinierungsstelle LAP Saalekreis | 13.04.2012

 
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