Theaterprojekt wieder im Saalekreis zu Gast

"Hallo Nazi": ideologische Phrasen treffen Realität

Die Sitzplätze in der Aula der Sekundarschule „Unteres Geiseltal“ sind gefüllt. Am 04. Oktober 2013 war das Theater-Mitmach-Lernprojekt vom Brandenburgischen Kulturbund e.V. mit dem Stück "Hallo Nazi" zu Gast. Wie auch im Vorjahr tourt der Verein mit einem LAP-geförderten Theater-Projekt durch mehrere Schulen im Saalekreis, um Toleranz, Vorurteile und Diskriminierung mit Schüler/innen zu ergründen.

Jan und Rudi werden nacheinander in eine Gewahrsamszelle gebracht. „Jetzt haben wir für Ordnung gesorgt und zwar gründlich. Das ist Volksnotwehr!“, meint Rudi aufgebracht aber zufrieden. „Wegen der Fidschis und der Asylanten“ würden deutsche Mitbürger keinen Fuß mehr auf den Boden kriegen seit der Wende. Und erst die Juden, die sich in den „Berliner Quasselbuden“ das Geld abholen, hetzt der 17-Jährige hinterher, der offen seinen Nationalstolz bekundet. Rudi ist Neonazi. Er und seine Kameraden haben gerade ein paar Polen in einer Autowerkstatt brutal zusammengeschlagen.

Jan gehört die Werkstatt. Mit seinen Kollegen repariert er Autos - oft auch schwarz. „Wir machen Arbeit, die kein Deutscher macht … Würdest du für 4 Euro die Stunde arbeiten?“ fährt er den Neonazi vom anderen Ende der Zelle an. Rudi will davon nichts hören. „Euch hätten wir alle totschlagen sollen“, gibt er als Antwort. Jan kann sein Unverständnis über Rudis Ansichten kaum zügeln und meint: „Du hast doch Scheiße im Hirn, du Nazi. Ihr müsst mal denken“.

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Die Polizeibeamtin, die in der Zelle vorbeischaut, geht davon aus, die Auseinandersetzung war vom Werkstattbesitzer Jan provoziert worden. Gegenüber Rudi, ein Bekannter aus gemeinsamen Jugendtagen, fällt ihr Ton weitaus friedfertiger, geradezu mitfühlend aus. „Der Deutsche ist nie schuld“, er fragt immer nur, wer schuld ist, platzt es aus Jan heraus. Rudi freut sich auch noch in der Zelle, wie der Kamerad den „Pollacken“ mit dem Wagenheber die Fresse blutig geschlagen hat und warnt pathetisch mit erregter Stimme: „Man soll den deutschen Zorn nicht reizen!“

„Der Pole, der mit dem Schädelbruch, ist gerade über den Jordan gegangen“, platzt die Polizistin aufgelöst in die Zelle. „Am Ende sind dann wieder die Bullen schuld“, schwant ihr und verliert kurz die Fassung: „Und alles wegen dieser scheiß Pollacken!“ Rudis erste Sorge ist, dass er zum morgigen Fußballspiel nun wohl nicht auf dem Platz stehen wird. Erst nach einiger Zeit kommen ihm Bedenken zur Tat und die zermürbenden Frage, warum der Kamerad überhaupt den Wagenheber genommen hat. Die Beamtin beschäftigt der Gedanke, dass morgen die Presse auftauchen wird, um darüber zu berichten.

Jan will aussagen, dass Rudi auf den toten Polen mit eingeschlagen hat. „Warum soll ich fair sein“, wenn vorher fünf Neonazis einen Polen zusammengeschlagen haben? „Knast? Nee! Dass sehen die doch, dass ich keinen totschlage“, versucht Rudi sich in Sicherheit zu wiegen. Lieber rechtfertigt er die Tat und wähnt sich als Erfüllungsgehilfe eines vermeintlichen Volkswillen: „Dass finden doch alle scheiße, dass die Pollacken da rumrennen.“ Polizistin Tina soll sich nicht „bei dem“ einschleimen, fährt der Neonazi sie an, als diese nach der Todesnachricht einfühlsamer mit Werkstattbetreiber Jan umgeht: „Wir tun alles, um die Sachse lückenlos aufzuklären.“ Die Polen bekommen Schmerzensgeld und die Deutschen müssen in den Knast, weil sie für Deutschland gekämpft haben, lautet Rudis engstirniges Resümee.

Jan erinnert sich, den Kollegen immer gewarnt zu haben, in welche Kneipe er nicht gehen solle, nicht zu spät einkaufen zu gehen oder wegzulaufen, wenn`s irgendwo gefährlich wird. „Ein rechtsradikaler Hintergrund muss erstmal bewiesen werden“, nur was schriftlich vorliegt, ist auch für die Ermittlungen relevant, flüchtet sich die Polizeibeamtin in Ihre Berufsrolle zurück. Davon fühlt sich auch der Neonazi bestärkt und wähnt die Polizei stets auf seiner Seite. Deswegen, ist er sich sicher, sei der Streifenwagen auch erst am Tatort vorbeigefahren, um den Kameraden Zeit zu lassen. Zuletzt allein in der Zelle sinniert Rudi, was seine Kameraden wohl jetzt von ihm erwarten. Kameradschaft ist mehr als nur ein Wort, wird in der Szene oft propagiert. So müsse Rudi jetzt die Kameraden decken, die nicht von der Polizei erwischt wurden und für deren Schuld gradestehen.

Jeder der drei Protagonisten fühlt sich im Recht, verteidigt seine Position gegen den anderen, mal mit Argumenten, mal mit Handgreiflichkeiten. Schonungslos werden dabei die unterschiedlichen Interessen offengelegt. Die Vermeidung von Polarisierungen und allzu eindeutigen Schuldzuweisungen macht das Stück spannend und lässt den Zuschauern Raum zum Überdenken eigener Positionen. Wo die Arbeit rar und die Stimmung düster ist, fallen einfache Erklärungen oft auf fruchtbaren Boden. Nachdenken, bevor die Argumente zementiert sind, tut Not. Nicht mehr, nicht weniger will dieses Stück dem Publikum vermitteln.

Carsten aus Norddeutschland (Neonazi Rudi), Maria aus Kasachstan (Polizistin Tina), Angelo aus Griechenland (Automechaniker Jan) und Regisseur Cüneyt Ogan diskutieren anschließend mit den Schüler/innen. Über Inhalte des Stückes, der Rollencharaktere und deren Interpretation geht die Diskussion schnell in die gesellschaftlich aktuelle Praxis über. Wieviel Mitschüler/innen sind nicht in Deutschland geboren oder haben nicht-deutsche Wurzeln? Muss man in Deutschland unbedingt Deutsch sprechen? Warum wandern Menschen nach Deutschland ein? Und was ist eigentlich unser Problem dabei?

Schauspielerin Maria und ein Schüler haben ein paar Worte fließend Russisch gewechselt. Oft, so Publikumsmeinungen, habe man dann Angst, die reden in einer anderen Sprache gerade schlecht über einen selbst. Dass die beiden Russisch-Muttersprachler sich lediglich gegenseitig vorgestellt und nach dem jeweiligen Geburtsort gefragt haben, löst das vermeintliche Unwohlsein bei dem weiteren Publikum sichtlich auf. Dass Menschen unterschiedliche Sprachen sprechen, ist völlig legitim – auch macht dies gesellschaftliche Vielfalt im interkulturellen Sinne oft erst spürbar. Um aber in der hiesigen Gesellschaft auch klarzukommen, müsse man sich in Deutsch verständigen können, sind sich alle einig. Schließlich ist Deutsch hier Amtssprache und die Mehrheit der Bevölkerung verständige sich so.

Kriege, der Wunsch nach einem besseren Leben oder nach Arbeit sind meist Motivation das eigene Herkunftsland zu verlassen. Auf der anderen Seite hat Deutschland mit zu wenig Nachwuchs und einer sehr hohen Altersstruktur zu kämpfen. Das Land habe daher Zuzug dringend nötig, wenn es den demografischen Wandel meistern will. Dass Menschen aus anderen Ländern oft billigere Dienstleister sind, als die einheimischen Mitbürger, ist gesellschaftliche Realität. Nur deswegen können viele Konsumgüter hierzulande günstig erworben werden. Der Mythos, Zugewanderte würde in erster Linie dem Sozialsystem zur Last fallen, erweist ist bei genauerer Betrachtung auch nur schwer haltbar. Zahlen, Fakten und die alltägliche Begegnung helfen, weitverbreitete Vorurteile abzubauen und zu widerlegen. Allein die Bereitschaft und Offenheit dazu entsteht im eigenen Kopf.

„Ich kann es nicht verstehen, dass viele Deutsche über Ausländer schimpfen und selbst sind sie nicht besser“, bringt eine Schülerin abschließend ihr Unverständnis über die Engstirnigkeit vieler Mitbürger/innen zum Ausdruck. Nach Theaterstück und Diskussion geht es an diesem Tag noch in Workshops. Dabei stehen die Entstehung von Vorurteilen, die Bedeutung von Demokratie und Diktatur sowie Fremdenfeindlichkeit in Deutschland im Mittelpunkt.

 
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