„Eine tödliche, bleierne Stimmung liegt über allem“

Präventionsprojekt „Anne Frank und der gelbe Stern“ tourt an Schulen im Saalekreis

Im November und Dezember 2012 machte der Brandenburgische Kulturbund e.V. an insgesamt fünf Schulen im Saalekreis Station. Am 11. Dezember war die Sekundarschule in Bad Lauchstädt an der Reihe. Im Gepäck hatten die Projektakteure ihr sog. Theater-Mitmach-Lernprojekt „Anne Frank und der gelbe Stern“. Ziel war, das Schicksal des jüdischen Mädchens Anne Frank in den Mittelpunkt des Geschehens zu rücken und ihre Erfahrungen in der Zeit des Holocaust anschaulich und nachvollziehbar den beteiligten Schüler/innen zu vermitteln.

Beim Betreten des improvisierten Theaterraums wäre so manchem Neonazi warm ums sonst so kalte Herz geworden. Eine übergroße Hakenkreuzfahne machte unmissverständlich klar, dass an diesem Tag schwere Kost auf dem Spielplan steht. Kunst darf das. Und Aufklärungsarbeit sowieso. Die Verwendung nationalsozialistischer Symbole in der Öffentlichkeit ist streng geregelt und führt oft zu Strafanzeigen – sog. Propagandadelikte. Wieso und was sich hinter der Symbolik verbirgt, wurde den interessierten SchülerInnen in den kommenden Stunden deutlich vor Augen geführt, auch wenn nur die wenigsten bisher den Nationalsozialismus oder das „Tagebuch der Anne Frank“ im Unterricht behandelt hatten.

Mit lautem Kriegsgetöse setzt das Theaterstück ein. Eine strenge Frauenstimme macht auf die Flucht jüdischer Mitbürger seit 1933 aufmerksam. Dann brechen zwei spielende Mädchen die Szenerie und holen die Zuschauenden in die heutige Zeit zurück. Die Beiden finden beim Spielen auf dem Dachboden eine alte Kiste. Ein Tagebuch ist darin. Neugierig lesen sie daraus. Es sind die Erlebnisse eines jungen Mädchens – ganz in ihrem Alter. Diese Erlebnisse aber lassen wenig Raum für jugendliche Leichtigkeit.

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Krieg, NS-Judengesetze und damit verbundene alltägliche Einschränkungen oder die Flucht von Verwandten vor den Nazis waren das, was für Anne, die Schreiberin der Zeilen, in ihrer Jugend konfrontiert war. Für SchülerInnen heutiger 7. bis 9. Klassenstufen eine schwer nachvollziehbare Zeit. So ruft die eigentlich bedrückende Stimmung bei einigen noch Gelächter hervor. Ein Nazi in Uniform tritt auf die Bühne und macht dem Publikum klar, wer hier das Sagen hat. Das Publikum wird angesprochen – vielmehr in militärischem Nazi-Drill angeschrien – und in das Geschehen einbezogen. Manche bekommen einen sog. Judenstern verpasst. Jetzt wird klar gestellt, was sie als Juden in Deutschland nun nicht mehr dürfen.

Es folgt der Aufruf der SS zur Deportation. Die Familie von Anne Frank beschließt daraufhin sich eher als geplant in ein Versteck zurück zu ziehen – in Amsterdam. Die akuten Einschränkungen werden fortan noch viel größer, die Hoffnung auf das baldige Anrücken der Alliierten ebenfalls. Von 8.00 bis 18.00 Uhr müssen sie sich fortan im Versteck mucksmäuschenstill verhalten. Sie sind im Hinterhaus einer Fabrik untergebracht. Der Betrieb produziert werktags. Das heißt, keine Toilette, kein Fenster oder Vorhang darf währenddessen bewegt werden. Sonst könnten sie auffliegen und würden ebenfalls in eines der zahlreichen deutschen Vernichtungslager deportiert.
„Jude komm mit! … Du passt auch noch rein“, schreit der Nazi in Uniform wieder Menschen im Publikum an. Nur ein seichter Eindruck, was Deportation durch die Nazis ganz praktisch hieß. „Draußen ist es schrecklich“, zitieren die Mädchen auf der Bühne aus Anne Franks Tagebuch. Tag für Tag werden Menschen verschleppt, man weiß, dass woanders millionen Menschen sterben, so Annes Gedanken. Im Versteck noch zu überleben, blieb die einzig positive Hoffnung. Wenn jemand über das Schicksal von Verwandten oder Bekannten redete, herrschte bedrückte Stimmung: „Eine tödliche, bleierne Stimmung liegt über allem.“ Man suchte Beschäftigung, um die Themen zu vermeiden. Auch Annes Pubertät blieb trotz der widrigen Bedingungen nicht ausgespart. Eine jugendliche Liebelei mit einem im Versteck untergebrachten Jungen, ein erster Kuss – die Aufmerksamkeit beim jungen Publikum lebt sprunghaft auf.

Als dann der Lebensmittelhändler ins Konzentrationslager verschleppt wird, wird die Versorgung der Familie weitaus schwieriger. Wenn man nicht verhungern will, blieben oft verdorbene Lebensmittel als einzige Nahrung. Nächtliche Fluggeräusche alliierter Flieger weckten immer öfter die Hoffnung auf ein baldiges Kriegsende. Dann die nächste Transportliste nach Auschwitz. Familie Frank stand drauf. Die Nazis hatten die jüdische Familie nicht vergessen. Am 08. August 1944 wurden die acht im Hinterhaus versteckten Personen erst ins Durchgangslager Westerbork, dann nach Auschwitz gebracht. Am Ende war Otto Frank der einzige Familienangehörige, der den Holocaust überlebte. Alle anderen wurden im Konzentrationslager ermordet.

Ende. Eindrucksvoller Applaus setzt ein. Die Schauspielerinnen Liesa Blaschke, Maria Reich und Regisseur Cüneyt Ogan starten in die Diskussion. Es wird deutlich, dass einige SchülerInnen doch so manches aus dem Stück mitgenommen haben: Nazis verteilen Judensterne, alltägliche Dinge sind für Juden plötzlich verboten. Heute können wir darüber lachen. Damals war es ein Todesurteil, Jude zu sein, so die zusammenfassenden Erkenntnisse.

Die Überleitung zu Diskriminierung in der heutigen Zeit bringt geradezu idealtypische Schlaglichter mit sich. Auf die Frage nach dem vermuteten Anteil von sog. Ausländern in Deutschland sprechen die Schülermeinungen für sich: 20, 35, 50 und sogar 55 Prozent Ausländer vermuten die Jugendlichen in Deutschland. Dass der Anteil in der gesamten Bunderepublik bei 7,3 Prozent liegt, in Sachsen-Anhalt kaum zwei Prozent und im Saalekreis gerade mal 1,6 Prozent beträgt, hätte kaum jemand im Publikum geglaubt. In Berlin schätzen die SchülerInnen 60 Prozent Ausländeranteil. Tatsächlich sind es 13,5.

Warum sehen wir so viele Ausländer? Warum tun wir uns so schwer, wenn Menschen eine andere Sprache sprechen? Sollten alle Ausländer Deutsch sprechen? Bei der Diskussion zu diesen Fragen erkennen auch die SchülerInnen, dass viele der Aspekte durch die eigenen einschränkenden Gewohnheiten und Engstirnigkeit bedingt sind. Wer „anders“ aussieht oder „anders“ spricht sticht in der Wahrnehmung eben oft heraus. Die Sprache der Mehrheitsgesellschaft zu sprechen erleichtert die Integration ungemein. Auf der anderen Seite muss die Aufnahmegesellschaft eine Integration aber auch ermöglichen wollen. „Lachen ist die erste Sprache, die Menschen verstehen“, wirft der Integrationsbeauftragte des Landkreises Edward Sulek in die Diskussion ein und will jeden einzelnen zum alltäglichen Kennenlernen und zu aktiver Sprachvermittlung animieren, damit sich auch Zugewanderte nicht ausgegrenzt fühlen müssen.

Im Schulgebäude nebenan ist in diesen Tagen noch eine Ausstellung aufgebaut. Mit dem Titel „Der gelbe Stern“ wird in Bildern und Texten vom Leben und der Verfolgung jüdischer Menschen in Deutschland von 1900 bis 1945 und auch über das Leben von Anne Frank berichtet. Nach dem Theaterstück stehen erst mal noch Workshops auf dem Programm, bei denen die Eindrücke des Tages vertieft und verarbeitet werden sollen.

An insgesamt fünf Schulen im Saalekreis machten die Mitwirkenden des Theaterprojektes recht vielfältige Erfahrungen. Dazu gehörten auch offen fremdenfeindliche Äußerungen in den Diskussionsrunden und Vorurteile gegenüber Menschen mit anderer Hautfarbe oder Migrationshintergrund. Das Resümee: Wo aufgrund eines verschwindend geringen Anteils von Zugewanderten ein Abbau von Vorurteilen kaum möglich ist und Klischees und Vorurteile häufig auch im Elternhaus verstärkt werden, ist Aufklärungsarbeit umso wichtiger. Im Ergebnis wird der Projektträger auch 2013 theaterpädagogisch im Saalekreis anknüpfen und dabei thematisch noch einen Schritt weitergehen.

 
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