„Das Tongefäß der Weltanschauung muss Risse erhalten“

Tagung setzt „Impulse für den Umgang mit Rechtsextremismus in Jugendhilfe und (Jugend-) Kriminalrechtspflege

Im Merseburger Ständehaus veranstaltete der Bildungsträger Arbeit und Leben Sachsen-Anhalt e.V. am 26. Juni 2012 eine LAP-geförderte Tagung zum „Umgang mit Rechtsextremismus in Jugendhilfe und (Jugend-) Kriminalrechtspflege“. Der beabsichtigte interprofessionelle Zugang zum Thema spiegelte sich auch bei den TeilnehmerInnen wider. Viele der knapp 80 Anwesenden kamen aus Justiz, Polizei und Verwaltungen, andere aus zivilgesellschaftlichen Trägern und Beratungsprojekten.

Häufig kollidiere die Beratungsarbeit gegen Rechtsextremismus aus zivilgesellschaftlicher Perspektive mit der Wahrnehmung staatlicher Stellen zum Thema Rechtsextremismus. Daher sei es umso wichtiger, gemeinsam ins Gespräch zu kommen, betonte Anne Mehrer (Beratung gegen Rechtsextremismus, Miteinander e.V.) in Ihrer Begrüßung.

Einen Einstiegsimpuls zur rechtsextremen Erlebniswelt gab David Begrich (Arbeitsstelle Rechtsextremismus, Miteinander e.V.). Er plädierte zunächst dafür, mit weitverbreiteten Klischees aufzuräumen, dass sich das Phänomen vornehmlich unter jungen Männern abspiele, die jugendtypisch über die Stränge schlagen würden. „Die sozialwissenschaftlichen Studie sagen uns seit Jahren etwas anderes“, so Begrich. Erwachsene, die ihre Einstellung nicht ausleben, bilden den breiten Resonanzboden für die Einstellungsmuster, die nur ausschnittweise in jugendtypische Taten umgesetzt werden. „Die Plausibilität rechtsextremer Deutungsangebote ernst(zu)nehmen“, betonte er und verdeutlichte, dass der Träger eines T-Shirts mit rechtsextremem Aufdruck das ernst meine, was dort draufsteht.

Vorrangig müsse man sich mit den Fragestellungen beschäftigen: Wie funktionieren Einstiege in die Neonaziszene? Was macht die rechtsextreme Vergemeinschaftung aus? Was bedeutet das in der Praxis? „Faschismus ist Gefühl der Tat“, brachte Begrich die Identitätsbildung auf emotionaler Ebene auf den Punkt. Aussteiger berichten häufig: ‚An erster Stelle steht das Vergemeinschaftungsprinzip‘. Diese findet zunächst über Kleidung, Musik und Szenesprache statt. Die kognitive, erkenntnismäßige Bildung komme erst später dazu. Der Weg zur Demo sei ein gutes Beispiel für rechtsextreme Erlebniswelt. ‚Der ganze Zug gehört uns‘ oder ‚wenn wir in der Stadt ankommen und alle haben Angst‘, zitierte Begrich AusteigerInnen aus der Neonaziszene. Das erzeuge ein ‚geiles Gefühl von Macht‘.

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Vor diesen Eindrücken hält der Miteinander-Vertreter die These, dass Rechtsrock gemeinhin als Einstiegsdroge Nummer Eins gilt, für „hinterfragungswürdig“. Er machte aber auch klar, dass die alte neonazistische Sichtweise, Rockmusik und Hip-Hop seien „Niggerscheiße“, überholt sei. Die musikalische Genrevielfalt ist längst Bestandteil rechtsextremer Angebote und ermögliche einen maximalen Zuspruch durch junge Menschen. Die Binnenbindung innerhalb der Szene werde zudem mit einem mittlerweile erhöhten Frauenanteil und der gezielten Einbindung von Frauen verstärkt.

Im Alltagsgeschehen lauere oft die „Falle der Moral“, so Begrich. Den jungen Neonazi z.B. wegen seines T-Shirts aus dem Unterricht zu werfen, bestätige diesen oft in seiner Sichtweise auf die verhassten „Büttel des System“. Gerade auch, weil rechtsextreme Propaganda mittels Internet omnipräsent verfügbar sei und Repressionsorgane dadurch an ihre Grenzen stoßen, ist die inhaltliche Auseinandersetzung inklusive der Konfrontation mit Widersprüchen rechter Ideologien als Gegenmaßnahme wichtiger und zielführender.

Begrich warnte davor, das Problem allein auf die NPD als rechtsextreme Partei zu reduzieren. Das Phänomen müsse als Ganzes wahrgenommen werden – sowohl die Parteistrukturen, wie auch das nicht parteipolitisch organisierte Neonazispektrum. Die Präsenz rechter und neonazistischer AkteurInnen lasse sich oft einfach am Bahnhof, an Laternen oder auf der Schultoilette mittels Aufkleber oder Schmierereien ablesen. „Sozialraumübernahme“ konstatiere er dort, wo andere Menschen sich aufgrund dominanter Präsenz von Rechten und Neonazis zurückziehen würden. Wer nicht zum typischen Feindbild gehöre und somit nicht von Anfeindungen betroffen sei, könne allerdings auch sehr leicht ignorieren, dass es rechtsextreme Erscheinungsformen im eigenen Sozialraum gäbe. „Es ist eine Frage der Wahrnehmung und eine Frage der Zeichensprache“, so der Referent.

Aus Begrichs Blickwinkel sei die Verweildauer in der Neonaziszene in den letzten Jahren auch angestiegen. Zentrale Träger der rechtsextremen Szene und MultiplikatorInnen der Ideologie sind mittlerweile zwischen 28 und 40 Jahre alt und haben eine jahrelange Prägung innerhalb der Szene hinter sich. Rechtsextreme Identität und Deutungsmuster „finden nicht auf einem anderen Stern statt“, so Begrich, sondern ganz lebensnah unter uns. Hier setze aus seiner Sicht die Herausforderung für die demokratische Gesellschaft an.

Die anschließende Diskussion kulminierte um die Debatte zwischen Repression und inhaltlicher Auseinandersetzung. Begrich plädierte klar für die verstärkte inhaltliche Auseinandersetzung. Repression stünde immer vor der „Frage der Reichweite“. Nach der Zerschlagung des größten deutschen Neonaziforums kürzlich würden deutsche Neonazis bereits wieder vermehrt anonym in internationalen Foren agieren – dort sei jüngst wieder eine „deutsche Sektion“ entstanden. Die „Erfahrungen seit Mitte der 90iger lehren, diese Strukturen sind nicht zu zerschlagen“, resümierte Begrich. Sie seien „bestenfalls temporär zu schwächen“. Rechte und neonazistische Einstellungen „müssen gesellschaftspolitisch bekämpft werden“, so der Referent.

Auf die Frage eines Staatsanwaltes aus dem Publikum, nach effizienten Zugängen zu ideologisch gefestigten Rechtsextremen, brachten verschiedene Anwesende ihre Erfahrungen ein. Weniger die moralischen Appelle seien es, die Erfolg versprächen. „Das Tongefäß der Weltanschauung muss Risse erhalten“, dazu müssen immer wieder Adern gelegt werden, so die eingebrachten Meinungen. Der Fokus müsse auf die Suche nach Bruchlinien in der ideologischen Wand gelegt werden, um diese stetig zu verbreitern, war letztlich Kern der sinnbildlichen Darstellung.

Dr. Esther Lehnert vom "Frauenforschungsnetzwerk Frauen und Rechtsextremismus" räumte in Ihrem Beitrag gleich eingangs mit dem Klischee des Heimchens am Herd auf und stellte klar,  dass dies in der heutigen Szene weitgehend überholt sei. Frauen jeden Alters seien in der Szene aktiv. Sie sollen nach außen die sanfte Seite des Rechtsextremismus präsentieren, inhaltlich sei dies aber mitnichten der Fall, so die Referentin.

Auch wenn sich die Szene eher maskulin darstelle, spielen weibliche Neonazis schon sehr lange eine bedeutende Rolle. Ausschließlich maskulin könne eine Szene nicht überleben. Es bedürfe auch weiblicher Impulse. Ob als Mittäterin oder in Führungsebenen – in der Szene seien spezifisch weibliche Betätigungsfelder vorhanden. Mit ihrem Wirken nach außen sowie nach innen sorgen Frauen für eine Stärkung der gesamten Neonaziszene. Die Referentin kritisierte, dass der politische Hintergrund rechtsextremer Aktivistinnen häufig ignoriert, herunter geredet oder übersehen werde. Somit wäre manche Neonazistin über ihre ganze Szenesozialisation hinweg unerkannt geblieben, wie Aussteigerinnen berichtet hätten.

Als Motive, für den Einstieg in die Neonaziszene konstatierte Lehnert den zugenommenen optischen Schick des rechtsextremen Lifestyles, den Drang zur Rolle als politische Kämpferin oder auch als „Hüterin der Familie als wahre Frauenrolle“. Versprochen werde der Schutz, z.B. vor (sexualisierter) Gewalt. Praktische Fälle zeigen aber, dass genau dieses Ansinnen innerhalb der Szene immer wieder enttäuscht wird.

„Was müssen Frauen eigentlich noch tun, um als rechtsextreme Terroristinnen wahrgenommen zu werden?“, fragte Dr. Esther Lehnert kritisch und verwies darauf, dass die Inhaftierte des terroristischen Neonazitrios „NSU“ (Beate Zschäpe) in den Medien lediglich als „Anhängsel“ und „Betthäschen“ der beiden männlichen Neonazis dargestellt wurde oder dass die NSU-Unterstützerin Mandy S. trotz ihrer Mitgliedschaft bis 2011 in der mittlerweile verbotenen neonazistischen „HNG“ (Hilfsorganisation für nationale Gefangene) mit ihrer Selbstdarstellung von Ausstieg und Jugendsünde durchkomme.

Im Zentrum des Agierens der Aktivistinnen stehe die Volksgemeinschaft, in der sie sich als „Hüterin der weißen arischen Rasse“ und der Familie verstünden. Dort werde das neonazistische Gesellschaftsideal der Volksgemeinschaft nicht nur verbal bekundet, sondern auch gelebt. Ihr Einsatz gelte dabei ausschließlich deutschen Kindern, die geschlechtergetrennt auf eine nationalsozialistische Lebenswelt vorbereitet werden. In diesem Kontext bekräftigte Dr. Lehnert die Notwendigkeit des Verbotes der neonazistischen „HdJ“ (Heimattreue deutsche Jugend), die sich genau dieser Kinder- und Jugenderziehung nach nationalsozialistischen Werten verschrieben hatte. Repression und Prävention, so die Referentin, müssen immer  miteinander diskutiert werden.

Themen, die Neonazistinnen vornehmlich aufgreifen oder ihnen zugeschoben werden sind typischerweise Kultur, Erziehung, Gesundheit und Naturheilkunde, Pädophilie oder auch Gender Mainstreaming. Auf die „sanfte Schiene“, mit zunächst unpolitischen Themen, würden sie versuchen Anerkennung und kommunale Verankerung zu erlangen und dann rechtes Gedankengut an der gesellschaftlichen Basis einfließen zu lassen.

Dr. Lehnert plädierte dafür, dass Wirken und Rolle weiblicher Neonazis kontinuierlicher Beobachtung bedürfen. Der Forschungsstand dazu sei sehr dünn und qualifizierte Ansätze für eine ausstiegsorientierte Arbeit mit Mädchen aus der Neonaziszene seien derzeit nicht existent.

Eine Einstieg zu „Perspektiven professioneller Arbeit mit  ‚rechten‘ jungen Erwachsenen“ bot Dr. Katrin Reimer von „Arbeit und Leben Bildungsvereinigung Sachsen-Anhalt e.V.“ aus Halle an. Reimer, die auch bereits in Berlin im Bereich der Mobilen Beratung gegen Rechts tätig war und Argumentationstraining gegen rechte Parolen angeleitet hat, beschäftigt sich schon jahrelang mit Rechtsextremismus.

Auf Ebene der Förderprogramme habe es in den zurückliegenden Jahren immer wieder Konjunkturen gegeben, ob rechte Jugendliche Zielgruppe sein sollen, so Reimer. In der Praxis hätten sich gerechtigkeitsorientierte Arbeit, konfrontative Verunsicherung und geschlechterreflektierende Arbeit mit jungen Erwachsenen als sinnvoll erwiesen. Die unpolitische Position, auf die sich AkteurInnen in ihrer Arbeit oft zurückziehen würden, hält Reimer für verfehlt. Die Grundlage, um mit rechtsextremen Jugendlichen zu arbeiten, müsse eine eindeutige demokratische Position sein, bekräftigte sie.

Die Möglichkeiten, das rechtsextreme Weltbild ins Wanken zu bringen, seien dort angeraten, wo rechtsextreme Ideologie noch nicht verfestigt ist, so Dr. Reimer. Zudem sei wichtig, jugendkulturelle Alternativen zu schaffen. Die Unterstützung nicht-rechter Jugendlicher sei demzufolge nicht nur Selbstzweck für diese, sondern biete eine bedeutende Grundlage für Alternativen zur Neonaziszene.

Politische Bildung für benachteiligte Jugendliche benötige oft andere, geeignete Formen, um Erfolg zu versprechen, so die Referentin. Sie mahnte zudem an, den Diskurs zu diesem Thema auf Augenhöhe zu führen, Impulse aus der Veranstaltung mit in die eigene Arbeit zu nehmen und den Gedanken an eine nachhaltige Vernetzung nicht zu vernachlässigen.

Im Anschluss an die Input-Vorträge tauschten sich die TeilnehmerInnen in drei verschiedenen Workshops zu folgenden Themen aus: 1.) Umgang mit rechtsextrem-orientierten Jugendlichen in der Jugendbildungsarbeit und Ausbildung, 2.) Umgang mit Rechtsextremen im Strafvollzug und in Aussteiger/innen-Projekten und 3.) Umgang mit Rechtsextremismus im Jugendgericht, in der Jugendanstalt und Bewährungshilfe.

LAP Koordinierungsstelle | August 2012

 
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