„Wir sind diejenigen, die eben nicht wegsehen dürfen“

Veranstaltung zum Internationalen Holocaust-Gedenktag in Merseburg

Etwa 90 Menschen versammelten sich am 27. Januar 2012 an der Stele vor der Merseburger Neumarktkirche – dem Mahnmal für die während des Nationalsozialismus aus der Domstadt deportierten und ermordeten Sinti und Roma. Aufgerufen hatten die Geschichtswerkstatt Merseburg-Saalekreis e.V. und die LandtagsvertreterInnen Dr. Verena Späthe und Patrick Wanzek (beide SPD). Die Teilnehmerzahl, die im Vergleich zu den Vorjahren um ein Vielfaches angestiegen war zeigt, dass die Thematik nicht alle BürgerInnen Merseburgs kalt lässt.

„Wir alle sind heute hier, um an alle diejenigen zu denken, die unter der nationalsozialistischen Terrorherrschaft entrechtet, verfolgt, gequält und ermordet wurden“, brachte Dr. Verena Späthe als erste Rednerin das Anliegen der Veranstaltung auf den Punkt. Sie verwies darauf, dass menschenfeindliche Einstellungen leider allzu oft in der Mitte der Gesellschaft und eben auch in Merseburg zu finden sind. Trauriger Beweis dafür sind u.a. die wiederholten Angriffe auf die Gedenkstele.

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Mindestens sieben Mal in den zurückliegenden zwei Jahren war diese teils schwer attackiert worden. Anfangs ist mit schwerem Gerät die Inschrift beschädigt worden, woraufhin der Text auf einer Metallplatte neu angebracht werden musste. Nach einem Versuch, den massiven Stein umzustoßen, musste die Verankerung im Boden nachgebessert werden. Auch eine mittlerweile von der Polizei eingerichtete Videobeobachtung hielt die TäterInnen nicht davon ab, einen Gedenkkranz zu stehlen, Bierflaschen dagegen zu werfen, drauf zu spucken oder Hakenkreuze mit Farbe auf den Granitstein zu sprühen. Deutliche Beschädigungen am Stein zeugen dauerhaft von offenkundigem Hass auf jene, denen das Mahnmal gewidmet ist: die Opfer der Sinti und Roma zwischen 1933 und 1945. „Sie waren Merseburger“, wie die Inschrift offenbart – ein Umstand, der nicht in das Weltbild der TäterInnen zu passen scheint.

Die „Nationalsozialistische Schreckensherrschaft“, zitierte Späthe den Landtagspräsidenten Gürth, „kam an die Macht, weil die Mitte der Gesellschaft dies duldete. Aus Irrglaube, Toleranz, Feigheit oder Vorteilsnahme. Der Gefahr der Duldung oder des feigen, bequemen Wegsehens gegenüber Intoleranz, Rassismus und Herabwürdigung ist auch heute in der Mitte der Gesellschaft zu begegnen und nicht nur an den extremen Rändern der Gesellschaft.“ Sie mahnte alle Anwesenden zur Verantwortung, dafür Sorge zu tragen, dass sich die Geschichte nicht wiederholt: „Wir sind diejenigen, die eben nicht wegsehen dürfen.“

Daran, dass sich am 30. Januar 2012 zum 79. Mal die Machtergreifung durch die Nationalsozialisten jährt, erinnerte Patrick Wanzek. In deren Folge konnte eine Maschinerie der Vernichtung entwickelt werden, für die Auschwitz heute als Synonym steht. In Auschwitz sind mindestens 1,5 Mio. Menschen von den Nazis ermordet worden. Vorbehalte gegen sogenannte „Zigeuner“ waren aber auch schon vor den „Nürnberger Rassegesetzten“ weit verbreitet, so das Landtagsmitglied. Die staatliche Gesetzgebung legitimiert später die Deportation und Vernichtung von Menschen, die als „Feinde des Nationalsozialismus herabgewürdigt wurden“. Auch heute, so Wanzek in seiner Rede, würden sich viele Sinti und Roma in Deutschland diskriminiert fühlen, was stetiges Engagement gegen Ausgrenzung und Intoleranz zwingend erforderlich mache.

Superintendentin Christiane Kellner definierte „Tolerieren“ als das Ertragen, „dass du anders denkst als ich“ und forderte die Anwesenden auf, den Menschen neben sich jetzt und hier einfach mal anzusprechen und sich kennenzulernen und zudem Freude daran zu haben, einander zu „begegnen in aller Verschiedenheit“. Oberbürgermeister Jens Bühligen (CDU) ergriff abschließend das Wort und stellte klar, er sei „zwar mit leeren Händen, aber nicht mit leerem Herzen“ zu der Veranstaltung gekommen. Er appellierte an die VeranstalterInnen: „Sie machen das genau richtig“ und lobte die Arbeit der Geschichtswerkstatt als beispielhaft. Bühligen sagte vor den Anwesenden zu, die Arbeit des Vereins finanziell zu unterstützen. Damit folgte er dem Aufruf der VeranstalterInnen, statt Kränzen und Gebinden lieber eine Spende für den lokalhistorisch arbeitenden Trägerverein mitzubringen.

Spenden für die Arbeit der Geschichtswerkstatt sind auch zukünftig möglich unter: Geschichtswerkstatt Merseburg-Saalekreis e.V., Konto-Nr. 39 000 25214, BLZ: 800 537 62, bei der Saalesparkasse

Vor und nach dem Gedenken am Merseburger Neumarkt waren VertreterInnen der Geschichtswerkstatt in der Region unterwegs, um bereits verlegte Stolpersteine zu putzen. Stolpersteine, die vielerorts vor den letzten offiziell bekannten Wohnadressen deportierter und ermordeter Menschen im Gehweg eingelassen sind, sollen mittels Namen und Lebensdaten auf diesem Wege an jene Opfer der Nationalsozialisten erinnern, die dort einmal wohnten – auch im Saalekreis.

Koordinierungsstelle LAP Saalekreis, 30. Januar 2012

 
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