„Leute mit solchen Einstellungsmustern haben verspielt“

Ausstellung beleuchtet weitverbreitete Diskriminierungsformen im Sport

Kurz vor Jahresende 2011 präsentierte der Kirchenkreis Merseburg mit Unterstützung des LAP Saalekreis noch eine Ausstellung im Mehrgenerationenhaus am Roßmarkt. Die Ausstellung der sächsischen IVF (Initiative für mehr gesellschaftliche Verantwortung im Breitensport Fussball) greift unterschiedliche Formen von Diskriminierung im Sport auf und stützt sich dabei auf Fallbeispiele aus Sachsen und Sachsen-Anhalt. Die begleitete Ausstellungsführung galt als Fortbildungsmöglichkeit für Akteure der Jugend- und Erwachsenenbildung.

Die Politologin Ulrike Fabich (IVF) betonte, dass das Ziel der Ausstellung die Sensibilisierung innerhalb der Sportlandschaft ist. „Aus dem Sport für den Sport“, brachte sie auf den Punkt, dass aktive SportlerInnen mit „Stallgeruch“ sich bemühen, die Thematik in andere Sportvereine zu tragen, ohne dass es aufgesetzt erscheint. Die IVF, selbst 2009 nach mehrjähriger Arbeit zu Diskriminierung gegründet, veröffentlichte die Ausstellung 2010. Aufgrund überregionaler Nachfragen entstanden Stück für Stück weitere Tafeln, die Fallbeispiele aus einzelnen Regionen beleuchten – darunter auch Sachsen-Anhalt. Zu den gängigen Formen der Diskriminierung im Fußball zählen Antisemitismus, Homophobie, Rassismus und Sexismus. Die Glorifizierung des Nationalsozialismus kommt in der Ausstellung zum Tragen, da dies in Fangruppen häufig auch präsent ist.

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Fabich berichtete von regelmäßig neu dokumentierten Vorfällen aus den zurückliegenden Jahren. So z.B. die „NS-Boys“ aus Chemnitz, wo eine „dubiose Zusammenarbeit“ zwischen Polizei und Fanordnern zu beobachten sei und Menschen zusammengeschlagen wurden nach Androhungen wie: „Na wartet nur, nachher liegt ihr sowieso im Dreck wie die Juden.“

„Jude“ sei als Diskriminierungsform „absolut gängig“, auch das sog. „U-Bahn-Lied“ werde regelmäßig in Stadien gesungen, berichtete die Politologin. Wo TeilnehmerInnen der Meinung waren, dass es „einfach nur Dummheit“ sei, solche Lieder mitzusingen, wies die Referentin darauf hin, dass das Problem dabei die Normalisierung des Wortes „Jude“ als Schimpfwort sei. „Leute mit solchen Einstellungsmustern haben verspielt“, waren sich die TeilnehmerInnen später einig. „Jude“ stehe synonym für „minderwertig“ und halte als Beschimpfung für die gegnerische Mannschaft oder auch deren Fans her.

Gerade auch Homophobie sei im Sportbereich virulent. Oft gelte, überall wo Stärke und Leistung gefragt sei, hätten Homosexuelle keinen Platz. Auch „Metrosexuelle“ seien für viele SportlerInnen eine „Katastrophe“- das Männlichkeitsbild stimme für viele einfach nicht mehr. Seitens des DFB (Deutscher Fußball-Bund) sei es wiederrum bis vor kurzem noch unerwünscht gewesen, sich tatsächlich als lesbisch zu outen. Im Männer-Fußball sei Homosexualität weitgehend nicht existent oder werde totgeschwiegen.

Vor der letzten Frauen-Fußball-WM habe noch das Klischee vorgeherrscht, alle in der Frauen-National-Elf seien lesbisch, berichtete Ulrike Fabich. Um dieser so empfundenen Imageschädigung entgegenzuwirken habe man sich kollektiv als Sexobjekt vermarktet, machte die Politologin die selbstverständliche Immanenz des Sexismus deutlich. Im Beachvolleyball sei die knappe Kleiderordnung für Sportlerinnen gar nicht im Reglement festgeschrieben – dafür aber in den Sponsoringverträgen fixiert. Auch Kickboxerinnen werden vornehmlich im knappen Bikini als Sexobjekte vermarktet.

Die Ausstellungsmacher hatten auch bereits damit zu kämpfen, dass ihnen untersagt worden sei, Regionalbeispiele in der jeweiligen Stadt zu zeigen. „In was für einem Licht wird denn dann der Verein wieder dargestellt?“ sei man um das Image der Stadt und seines Sportvereins besorgt gewesen. Auch mit dem Rückzug der kommunalen Finanzierung habe man mancherorts bereits gedroht, berichtete Fabich.

Die anschließende Diskussion drehte sich um die Erkenntnis, dass Diskriminierung in vielen gesellschaftlichen Bereichen anzutreffen sei. Wichtig aber sei die Positionierung dagegen. TeilnehmerInnen hätten zudem häufig den Eindruck, dass „bestimmte Probleme doch nicht benannt werden dürfen. Nach dem Motto: Wenn wir sie nicht aussprechen, sind sie nicht da.“ Wenn laut Studien 40 Prozent der Bevölkerung die Meinung vertreten, dass Zugereiste nur nach Deutschland kämen, um den Sozialstaat auszunutzen, bräuchte man sich nicht wundern, dass Menschen mit mutmaßlichem Migrationshintergrund sich hier nicht wohlfühlen würden. „Rassismus wird in Deutschland solange vorherrschen, wie nicht von diesem Blut-und-Boden-Begriff Abstand genommen wird“, bringt ein Teilnehmer seine Einschätzung abschließend auf den Punkt. Das reine Wissen um Fakten reiche oft leider nicht aus, um zu dem Entschluss zu kommen, aktiv zu werden, so Fabich. Eine Vertiefung mittels Workshops, um Diskriminierungen aus anderer Perspektive erfahrbar zu machen, sei oft effektiver.

LAP Koordinierungsstelle

 
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