„Ob wir Splitter in unseren Körpern hatten oder nicht … wir mussten marschieren“

Gedächtnismarsch erinnert an NS-Zwangsarbeit im Saalekreis

Auf den Pfad geschichtlicher Selbsterfahrung lud der Heimat- und Geschichtsverein Zöschen am 28. Juli 2013 ein. Von der Spergauer Gedenkstätte für das „Arbeitserziehungslager“ (AEL) über das Leunaer Stadtarchiv, die Merseburger Innenstadt, bis nach Schkopau führte der Fußmarsch mehr als zwölf Kilometer bei heißen Temperaturen. Denselben Weg wurden vor 69 Jahren 1.300 NS-Zwangsarbeiter/innen getrieben, nachdem das Lager in Spergau zerstört war. Das Interesse der Bevölkerung an dem Thema ist kaum wahrnehmbar. Die meisten Teilnehmenden reisten aus Belgien und den Niederlanden an. Darunter sind auch der heute 92-jährige Überlebende des „Arbeitserziehungslagers“, Arie Kooiman, und Nachfahren anderer Menschen, die für die Leuna-Werke Zwangsarbeit verrichten mussten.

Leunas Bürgermeisterin Dietlind Hagenau begrüßt an der Spergauer Gedenkstätte (Straße der OdF) die anwesenden Gäste. Bis 1944 bestand an diesem Ort das „Arbeitserziehungslager“ (AEL) Spergau, indem Zwangsarbeiter/innen der Leuna-Werke untergebracht wurden. Eine Gedenkstätte mit Informationstafeln erinnert heute an die Opfer. „Unsere Eltern waren die Verlierer, die haben nichts erzählt vom Krieg“, meint Hagenau und weiß daher die Aufarbeitung der Lokalgeschichte sehr zu schätzen. Die Bürgermeisterin hofft, dass jüngere Generationen sich mit der Geschichte beschäftigen und von den Verbrechen Deutschlands im Nationalsozialismus und den Schicksalen erfahren.

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Die Aufarbeitung zum AEL in Spergau ist noch in vollem Gange. Bisher ging man von Menschen aus insgesamt 16 Ländern aus, die hierher verschleppt und zur Zwangsarbeit gezwungen wurden. Aktuell seien in den Häftlingslisten zusätzlich noch Insassen aus der Türkei und Albanien gefunden worden. Die Teilnehmer/innen des Gedächtnismarsches tragen Fahnen der jeweiligen Länder, um damit die Opfergruppen zu dokumentieren. An dem Gedächtnismarsch beteiligten sich etwa 40 Menschen aus den Niederlanden, Belgien und Deutschland. Wobei das Interesse von Anwohnern an dem Thema gering ist, was auch der Spergauer Günter Quente nur bestätigen kann.

„Ich schäme mich, sagen zu müssen, ich bin der einzige Spergauer“, der an dem Gedächtnismarsch teilnimmt, so Quente. Die Spergauer Bürger/innen, so glaubt er, hätten das wenigste Interesse an der Aufarbeitung dieser Geschichte. Als 12/13-Jähriger hat er die „Spergauer E-Kompanie“ vom Ort aus beobachtet. Als nach einem Luftangriff die Ortsfeuerwehr im AEL löschen wollte, wurden sie von den SS-Wachposten abgewiesen, Quente. „Die armen Leute da drinnen sind am lebendigen Leib verbrannt“, berichtet der heute 81-Jährige an der Merseburger Klia-Platte. Insassen wurden erschossen, weil sie hungrig nach Essen gesucht hatten und wer als Anwohner den Häftlingen geholfen hätte, wäre selbst im Lager gelandet, sei die einhellige Befürchtung damals gewesen.

Merseburgs Bürgermeisterin Barbara Kaaden begrüßt die Teilnehmenden auch im Namen des lokalen Bündnisses gegen Rechts an der Klia-Platte. Sie betont ihren Wunsch, das Anliegen der Aktion, das Andenken an die unter dem Nationalsozialismus geschundenen und ermordeten Menschen wachzuhalten und so für eine demokratische Gesellschaft zu wirken. Dass gerade auch in Deutschland niemals vergessen werden darf, was damals geschah, hob der Bürgermeister von Breverwijk (Niederlande) Han van Leeuwen hervor, der sich ebenfalls am Marsch beteiligte. 480 junge Männer verschleppten die Deutschen 1944 aus der niederländischen Stadt – einige davon landeten hier. An der nächsten Station begrüßt Schkopaus Bürgermeister, Andrej Haufe, und wünscht einen angenehmen Aufenthalt – „das war ja damals nicht der Fall“, wie er anmerkt.

Angekommen in der Halleschen Straße (Schkopau), wo sich die damalige Kommandantur des Stammlagers einst befand, berichtet Arie Kooiman. Als 24-jähriger wurde der niederländische Bäcker bei einer Razzia der Nazis am 16. April 1944 in Beverwijk festgenommen. Über 480 junge Niederländer wurden erst ins Durchgangslager Amersfoort und einige von ihnen in den heutigen Saalekreis verschleppt. Nur mit dünner Kleidung mussten sie bei jedem Wetter 5.00 Uhr zum Appell antreten und oft stundenlang stillstehen. Brutal mit Knüppelschlägen wurden die ausgezehrten Häftlinge von SS-Wächtern zur Arbeit angetrieben. Werksmeister der Leuna-Werke sahen den Misshandlungen zu und sorgten dafür, dass jenen, die nicht schnell genug arbeiteten, selbiges widerfuhr.

„Ob wir Splitter in unseren Körpern hatten oder nicht, danach wurde nicht geguckt. Wir wurden wach gemacht, in die Enge getrieben und wir mussten marschieren“, so der Lagerüberlebende mit Blick auf die Bombardierung der Leuna-Werke und die anschließende Auflösung des AEL Spergau. In Schkopau angekommen wurden bis zu 130 Menschen in eine Baracke für ursprünglich 50 Zwangsarbeiter/innen gesteckt. „Da wurde nicht geguckt, ob wir liegen, stehen oder schlafen konnten“, erinnert sich Kooiman heute.

Hintergrund zum Arbeitserziehungslager Spergau und NS-Zwangsarbeit vor Ort:

Das Lager wurde im September 1939 mit 1.300 „dienstverpflichteten Arbeitskräften“ aus dem Saarland eröffnet. Das Gemeinschaftslager Spergau war eines von vier Großlagern der Leuna-Werke. Bereits im Folgejahr wurde die Anzahl der Baracken auf 44 verdoppelt, um Zwangsarbeiter/innen aus Westeuropa unterzubringen. Im Oktober 1941 kamen die ersten französischen Kriegsgefangen ins Arbeitserziehungslager Spergau. Beauftragte der Chemiebetriebe aus Leuna, Schkopau und Wolfen einigten sich 1942 mit der Gestapo-Leitstelle Halle auf Regelungen gegen die „schlechte Arbeitsdisziplin“ der Zwangsarbeiter/innen. Wer nach 56 Tagen Haftdauer keinen „Erziehungsfortschritt“ zeige, sollte fortan ins Konzentrationslager Buchenwald überstellt werden. Die Leuna-Werke übernahmen bereitwillig die Kosten für ein solches Lager, da sie das größte Interesse an der Einrichtung hatten. Wachpersonal wurde aus der lokalen Polizeidienststelle eingesetzt.

Die Gründe, im Arbeitserziehungslager zu landen waren vielfältig. Ob Niederlegung der Arbeit oder andere dazu anzustiften, „Begünstigung eines Kriegsgefangenen“, „Beleidigung eines deutschen Arbeiters“ oder des Führers, Betteln, Diebstahl oder einfach nur „freches Verhalten“, nächtliche Ruhestörung, „Tausch von Zigaretten gegen Brotmarken“, das „Verbreiten von beunruhigenden Gerüchten“ oder „Verfolgen der Frontbewegung ausländischer Armeen“ und andere Vergehen, die nicht durch ein Gericht verfolgt wurden, brachten Menschen ins Arbeitserziehungslager. Ziel war u.a. die Auffrischung der NS-Ideologie, „dem Nationalsozialismus entsprechendes Elementarverhalten zu erlernen“ oder Erziehung einer Arbeitskraft, die den Anforderungen der Kriegswirtschaft gewachsen sein sollte. Dabei waren auch viele SA-Leute und andere Nazis Insassen der Lager. Nach nationalsozialistischer Rasseideologie wurden die Insassen in verschiedene Gruppe unterteilt und damit unterschiedlich strenge Behandlung, Verpflegung und Kontaktverbote untereinander begründet.

Von den etwa 15.000 Arbeitskräften in den Leuna-Werken waren mehr als zwei Drittel unfreiwillig als Zwangsarbeiter/innen hierher verschleppt worden. Darunter befanden sich 1.500 sogenannte „Reichs“- oder „Volksdeutsche“ aus Mitteleuropa, 2.200 russische „Ostarbeiter“, 2.400 Franzosen, 2.000 Italiener, 450 Tschechen, 430 Flamen und weitere 515 Personen waren kroatischer, polnischer, niederländischer und marokkanischer Herkunft. Hinzu kamen 1.590 kriegsgefangene Franzosen und weitere 1.600 Häftlinge der Arbeitserziehungslager.

Da Deutschland kaum über Ölvorkommen verfügte, erlangte bereits vor Beginn des Zweiten Weltkriegs die Herstellung von synthetischen Benzin durch Kohleverflüssigung („Deutsches Benzin“) in den Leuna-Werken eine große Bedeutung – vor allem in Kriegszeiten. So erfolgten auch alliierte Luftangriffe auf den Produktionsstandort, wovon auch die Häftlingslager betroffen waren. Nach schweren Luftangriffen am 28. und 29. Juli 1944 war auch das AEL Spergau nicht mehr haltbar. Am Abend des 29. Juli mussten die Zwangsarbeiter/innen einen mehr als zwölf Kilometer langen Fußmarsch in das Stammlager Schkopau antreten. Ihre letzte Verpflegung lag zu diesem Zeitpunkt etwa 40 Stunden zurück. Die 1.300 Zwangsarbeiter/innen erreichten in den Morgenstunden das Gemeinschaftslager Schkopau. Da das Lager über keine Wachtürme und Stacheldraht verfügte, mussten diese bis in die erste Augustwoche hinein errichtet werden.

Dazu:

Mitteldeutsche Zeitung: "Gedächtnismarsch: Leuchtfeuer der Erinnerung" und "Todesmarsch von 1944 wird nachvollzogen"

Beitrag aus dem niederländischen Fernsehens RTV Noord Holland:

LAP Koordinierungsstelle | 01. August 2013
 
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